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Weihnachten – Boże Narodzenie

Bestimmt haben auch Sie diesen EDEKA Weihnachtsspot „Zeit heimzukommen“ gesehen? So etwas kann in Polen nicht passieren. Die Autofahrer werden es in Kürze merken. Auf den deutschen Autobahnen sieht man dann plötzlich sehr viele englische, holländische, belgische, französische oder spanische Kennzeichen. Ich kann meinen Kopf verwetten, dass in diesen Autos keine Engländer, Holländer, Belgier, Franzosen oder Spanier sitzen! Auch in vielen deutschen Autos, die Richtung Osten fahren, sitzen nicht immer Deutsche hinterm Lenkrad. Ja, es sind meistens Polen, die Weihnachten zusammen mit der ganzen Familie in der alten Heimat verbringen möchten.

Baum

Ich werde mich auch am Samstag ins Auto setzen und über 10 Stunden nach Wrocław fahren. Trotzt großen Strapazen, freue mich schon auf die Feiertage mit meiner Mutter, meiner Schwester und der ganzen, großen Familie.
Der Advent wird in Polen nicht privat sondern nur in der Kirche gefeiert. Weihnachten und vor allem der Heilige Abend (Wigilia) ist das wichtigste Familienfest und eines der traditionsreichsten Weihnachtsfeste der Welt überhaupt.
Die alten, christlichen Weihnachtstraditionen sind in Polen immer noch sehr lebendig. Schon Wochen vorher herrscht in den meisten Familien eine große Aufregung und Vorfreude aufs Fest. Es wird geplant, Einladungen werden verschickt, die Wohnung auf Vordermann gebracht. Alle Beteiligten kochen, braten, backen um die Wette.
Die Vorbereitungen zum Heiligen Abend beginnen bereits am frühen Morgen mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes. Die Kinder dürfen ihn erst am Abend in voller Pracht mit Lichtern und schön verpackten Geschenken darunter sehen.
Man glaubt, dass der Ablauf des Tages für das gesamte folgende Jahr entscheidend ist, daher wird viel Wert auf Konfliktlosigkeit und Ruhe in der Familie gelegt. Alle Probleme werden an diesem Tag unter den Teppich gekehrt.
Der Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Heilige Abend – Wigilia. Am 24.12. wird noch gefastet also sind an dem Tag Fleischgerichte und Wodka tabu. Dafür fallen alle anderen Speisen üppiger aus und man darf dazu Wein trinken.
Fast den ganzen Tag wird nichts oder nur wenig gegessen. Am späten Nachmittag kann man miterleben, wie alle Kinder in den Himmel schauen. Sie warten aber nicht auf den Schlitten des Weihnachtsmannes, die Geschenke vom Nikolaus liegen schon unter dem Baum. Sie warten auf den Ersten Stern. Erst wenn er aufgeht, darf man mit der Wigilia anfangen.
Zuerst wird aus der Bibel die Geschichte von der Christi Geburt in Betlehem vorgelesen. Danach wird gemeinsam in christlichen sowie nicht-christlichen polnischen Familien ein Ritual – die Teilung einer geweihten Oblate – als Zeichen der Liebe, der Freundschaft und des Friedens durchgeführt.

Oplatte 1

Oplatte 3Jeder bricht sich ein Stückchen der Oblate ab und teilt sie mit allen Anwesenden, wobei man sich gegenseitig die Erfüllung aller Wünsche ausspricht. Danach wird umarmt und geküsst. Die Polen lieben den engen Körperkontakt. Damit auch die nicht anwesenden Freunde und Familienmitglieder an dem Ritual teilnehmen können, werden die Oblaten und die Wünsche in der Vorweihnachtszeit in die ganze Welt verschickt. Dann kann man sich endlich an den üppig gedeckten Tisch setzen.
033.Tisch
Unter der Tischdecke liegt ein kleines Bündel Stroh, als Erinnerung an die Jesus Geburtsstätte. Ein ebenso fester Bestandteil des polnischen Weihnachtfestes ist ein zusätzliches Gedeck für die Verstorbenen und alle anderen, die nicht mitfeiern können wie auch für den Fall, dass ein unerwarteter Gast oder Bedürftiger an die Tür klopft. Auch ein Fremder ist an diesem Tag herzlich eingeladen. Ein altpolnischer Brauch ist es auch, am Heiligen Abend alleinstehende und einsame Menschen – oft Nachbarn – einzuladen.
Zur Wigilia (am 24.12.) gibt es zwölf Gerichte die symbolisch für die Monate des Jahres und die zwölf Apostel stehen. Obwohl die Zahl der Gerichte heute nicht immer eingehalten wird glaubt man daran, dass viele Speisen für das folgende Jahr Wohlstand für die Familie bringen. In jedem Fall müssen alle Gerichte wenigstens probiert werden.
30.ZupaEs wird Roterübensuppe mit Teigtaschen (barszcz z uszkami) oder Pilzsuppe (zupa grzybowa) mit pilzgefüllten Creps (naleśniki z grzybami) serviert. Danach kommen auf den Tisch: gebratener Karpfen, Karpfen in Aspik (karp w galarecie), Kohl mit Erbsen (kapusta z grochem),
Hering in Öl und Hering mit Sahne (śledzie w oleju i w śmietanie) kutja (eine Getreidespeise mit Honig, Nüssen, Mohn und Rosinen) wie auch
Kompott 33.Kapustaaus Trockenobst (kompot z suszu). Süßes gehört zum polnischen Weihnachtsessen ebenso dazu. Besonders Mohn- und Hefekuchen sind unverzichtbar.

Es wird viel gesungen während der Wigilia. Die polnischen Weihnachtslieder – Kolędy – gehören zu den schönsten der Welt. Nach dem oft stundenlangen Abendessen gibt es Bescherung.
Der Abend endet meistens mit der feierlichen Mitternachtsmesse, der Pasterka, zu der die ganze Familie gemeinsam geht. Ein kleiner Verdauungsspaziergang tut gut.
Danach ist es schon der 25.12. und kein Fastentag mehr! Also man kann mit den Fleichgerichten und mit Wodka beginnen.
Nach dem Essen wird entweder eine Fischschuppe oder eine Fischgräte ins Portemonnaie gesteckt. Sie soll für Wohlstand und Glück im nächsten Jahr sorgen.
Am ersten Weihnachtstag bleibt man Zuhause. Man verbringt den Tag mit der Familie. Die in den Tagen zuvor bereits gekochten Speisen, werden dann verzehrt. Am zweiten Feiertag besucht man Verwandte und Freunde.
Die deutschen Weihnachtsgänse kommen meistens aus Polen. Zum polnischen Weihnachtsessen gehören sie aber nicht dazu. Vielleicht “reisen” aus diesem Grunde viele Gänse in dieser Zeit ins Ausland.
Ich wünsche allen meinen Lesern wunderschöne, besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2016.

Frohe Weihnachten – Wesołych Świąt.